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  • Sabine Terhorst

Bin ich eine schlechte Mutter?


In diesem Blogbeitrag möchte ich auf die möglichen Schwierigkeiten bei unserem Rollenverständnis eingehen. Da ich ja Dozentin für die AnwärterInnen Heilpraktiker für Psychotherapie bin, habe ich mich für das letzte Ausbildungswochenende auf das Thema "Entwicklungspsychologie" vorbereitet. Hier beschäftigt man sich mit dem Thema "Was braucht ein Kind, um zu einem selbstbewussten und ausgeglichenen Erwachsenen zu werden" und natürlich auch damit, welche psychischen Probleme bei Kindern entstehen können, wenn man es als Eltern nicht schafft, ideale Bedingungen zu kreieren. Daraus entsteht natürlich ein großes Spannungsfeld, denn relativ schnell gerät man dann in Diskussionen darüber, wie sich Eltern zu verhalten haben und was man unbedingt unterlassen sollte. Ganz schnell gerät man ein ein Bewertungssystem über "richtig" und "falsch" und betrachtet dabei nicht mehr nur die Frage, ob man Kinder misshandeln darf. Hier sind sich schnell alle einig. Aber bei der Frage zum Beispiel, wann eine Frau/ein Mann wieder arbeiten gehen darf, spaltet sich schnell die Gruppe.


Dieses Erlebnis spiegelt meine eigene Erfahrung als Mutter. Ich fühlte mich in einem unüberbrückbaren Konflikt zwischen meinem Bedürfnis, mich als berufstätige Frau entfalten zu dürfen und den gefühlten Anforderungen an mich in der Rolle der Mutter. Mein Mann und ich entschieden uns beim ersten Kind, dass er zu Hause bleiben würde. Das stieß auf allgemeines Unverständnis, denn als Frau und Mutter "durfte" ich mich nicht zu früh von meinem Kind lösen wollen. Mein Mann hingegen wurde immer mit dem Verdacht konfrontiert, gar nicht in der Lage zu sein, ein Kind ausreichend versorgen zu können. Bei meiner zweiten Tochter blieb ich dann zu Hause und fühlte mich ständig in einem Mix von Unter- und Überforderung. Unterforderung, weil die Versorgung eines Kindes nur bedingt abwechslungsreich ist und extrem überfordert, weil ich mit den vielen Schreikrämpfen meiner Tochter einfach nicht klar kam. Ich fühlte mich ständig und immer als Versagerin. Alle anderen Mütter waren doch so zufrieden und nur mit mir schien etwas nicht in Ordnung zu sein.


Dass diese Überforderung auch etwas mit mir als Mutter machte, muss ich - denke ich - nicht erwähnen. Ich hätte mir sehr gewünscht, immer gelassen und liebevoll auf meine Tochter eingehen zu können. Aber wie, wenn eigentlich ich jemanden gebraucht hätte, der mich in den Arm nimmt und tröstet.


Ich habe einige Jahre gebraucht, um wieder einen mitfühlenden und liebenden Blick auf mich zu bekommen. Mir zu verzeihen, dass ich nicht immer perfekt reagiert habe. Das hat mir auf der anderen Seite aber auch ein großes Verständnis geschenkt, Frauen und auch Väter in vergleichbaren Situationen zu verstehen. Denn ich weiß, dass es keine Bösartigkeit ist, wenn man heulend aus dem Zimmer läuft und das Kind weinend sich selbst überlässt. Das hat nichts mir Herzlosigkeit zu tun, sondern ist Ausdruck von Hilflosigkeit. Zudem weiß ich heute, dass es das eine ist, wenn die Gesellschaft um einen herum gewisse "Anforderungen" formuliert. Es ist aber viel wichtiger zu erkennen, dass man selbst den Raum dafür öffnet zu glauben, man wäre tatsächlich keine richtige Mutter/kein richtiger Vater, weil man diesen Anforderungen nicht gerecht wird.


Heute weiß ich, dass eine Mutter, die laut schimpfend andere Frauen verurteilt, die ihre Kinder "zu früh" (wann auch immer das ist) einer wildfremden Person überlassen, dies natürlich auch sagen müssen, um sich selbst nicht in Frage zu stellen. Aber wenn ich ein schlechtes Gewissen bekomme - selbst wenn solche Aussagen unqualifiziert und wenig wertschätzend formuliert werden - dann hat es damit zu tun, dass etwas in mir dies selbst glaubt.


In meinem Unterricht habe ich versucht, meine Teilnehmer dahingehend zu sensibilisieren, dass es einen breiten Weg der Mitte gibt. Und dass es innerhalb dieses Weges kein wirkliches richtig und falsch gibt, sondern dass es immer eine Frage des Blickwinkels bleibt.


Ein Beispiel:

Ein Kind, dass früh in eine Betreuung kommt und dort liebevoll betreut wird, lernt früh mit anderen Kindern und allgemeinen regeln klar zu kommen. Es hat früh die Möglichkeit zu lernen, dass es ein ich UND ein DU gibt. Ein Kind, dass hingegen sehr von der Mutter behütet wird, hat das vielleicht nicht. Auf der anderen Seite muss man natürlich für sich nachspüren, wann es der richtige Zeitpunkt ist. Man muss eben seine Spur in dem doch breiten Weg der Mitte finden.


Heute kann ich aus tiefster Überzeugung sagen: ich war immer eine liebende Mutter für meine Kinder. Aber ich habe lange versäumt, mich selbst zu lieben. Und erst als mich diesem Thema zuwenden konnte, begann ich zu heilen und somit auch vollkommen anders auf meine Kinder zu reagieren. Ich mache ständig "Fehler" (auch wenn ich das Wort heute nicht mehr verwenden würde)! Doch ich verschwende die Energie nicht mehr zu sehr damit, mich dafür zu hassen und abzulehen um damit noch mehr Leid zu erzeugen. Sondern ich gehe mit meinen Kindern in Kontakt und versuche gemeinsam mit ihnen eine Lösung zu finden.


Für mich ist dies ein zentrales Thema: wie stehe ich zu mir selbst? Wie sehr zweifle ich mich an? Und wie viel Energie "verschwende" ich damit, mich selbst zu verurteilen und den Fehler bei mir zu suchen? Wieviel Mitgefühl bringst Du für Dich selbst und Deine Situation auf?


Vielleicht erschreckst Du gerade... das ist ein guter Anfang :-)

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