• Sabine Terhorst

Mode-Diagnose: Narzisst - ein weiterer Blickwinkel

Die Diagnose "Narzisst" scheint in jeder Hinsicht zu einer Mode zu werden. Dabei ist es eine Diagnose, die eine schwere Störung in der Persönlichkeitsstruktur beschreibt. "Deutliche Abweichungen im Wahrnehmen, Denken, Fühlen und in den Beziehungen zu anderen." schreibt hier das ICD 10, das diagnostische Handbuch für psychische Störungen. Eine Störung, die im Kindesalter seinen Anfang hat und in der Regel bedeutet, dass sich eine Person als vollkommen normal empfindet - aber alle anderen sind das Problem.

Soweit, so gut. Spannend ist nun die Frage, wie oft kommt den der "echte" Narzissmus in Deutschland vor. Da reichen die Angaben im Netz von 0,4% - 6%, was eine beachtliche Spanne ist. Das legt die Vermutung nahe, dass es ein bisschen darauf ankommt, wie man die Störung einschätzt und dann auch als solche bezeichnet.


Ich habe in jedem Fall den Eindruck, dass es aktuell eine inflationäre Verwendung der Bezeichnung "Narzissmus" gibt. Der Chef, oder die Chefin ist ein Narzisst, der Partner, der fremd gegangen ist und sich durchaus auch mal als Idiot verhalten hat, ist ein Narzisst. Und erfolgreiche Menschen, die ein bisschen exzentrisch sind, sind sowieso alle Narzissten. Narzissten sind Egoisten, gehen über Leichen, lieben nur sich selbst und niemand anderen und wenn sie mal nett sind, dann nur, um andere für die eigenen Zwecke zu manipulieren. Nach außen geben Sie den perfekten und liebevollen Partner und wenn man mit ihnen alleine ist, können sie noch nicht mal einen Tee kochen, wenn der andere krank ist. Sie lobhudeln und vergöttern einen, wenn es der Sache nützt. Und sie können vernichtend sein in ihrer Kritik, wenn sie sich in ihrem Ansehen gefährdet fühlen.


Dabei hat jeder von uns auch narzisstische Anteile. Das ist sogar etwas Gutes. Weniger schlecht klingt hier ja "Selbstliebe" in Verbindung mit "Selbstvertrauen". Auch ich habe narzisstische Anteile. Sicher hatte diese auch meine Chefin und mein Ex-Mann. Das Spannende dabei ist aber, dass diese Anteile diese Menschen eben auch etwas leisten lassen. Es ist Ihnen wichtig, Erfolg zu haben. Und somit wird dieser Persönlichkeitsaspekt zu einem wichtigen Antreiber im Leben. Aber nur, weil man narzisstische Anteile hat - die bei dem einen mehr oder weniger ausgeprägt sind - ist man nicht gleich ein Narzisst. Oder - diese Bezeichnung habe ich in einem Fachbuch zur Psychosomatik gelesen - es gibt auch viele "nette Narzissten". Diese Bezeichnung mag ich ganz gerne, denn dadurch wird klar, dass es nicht zwangsläufig eine schädliche Störung sein muss.


Versteht mich nicht falsch: ich weiß, dass es Menschen gibt, die wirklich unter PartnerInnen und ChefInnen leiden oder gelitten haben, die vielleicht tatsächlich sehr stark narzisstisch akzentuiert sind (bis hin zu einer echten Persönlichkeitsstörung). Das kann sich bis zu einem emotionalen und mentalen Missbrauch steigern. Hier ist es sehr wichtig, dieses Störungsbild zu verstehen, damit man beginnt, sich davon bzw. auch von diesem Menschen zu distanzieren. Für Menschen, die Opfer eines Narzissten geworden sind, ist es enorm wichtig zu wissen, dass die Art und Weise des Missbrauchs nichts mit ihnen und ihrem Wert zu tun hat. Und sie dürfen lernen, zu diesen Menschen Grenzen zu ziehen und sich zu distanzieren. Sie dürfen lernen, ihnen die Stirn zu zeigen und das Schema "Täter - Opfer" nicht mehr zu bedienen.


Aber ich finde es gefährlich, jedem sofort so ein Etikett zu verpassen, nur weil derjenige arrogant, unbequem oder auch "zu erfolgreich" ist und man sich an der einen oder anderen Stelle übergangen, bewertet oder verletzt fühlt. Das birgt die Gefahr, dass man zu sehr in Distanz zu diesem Menschen geht, ihn und alle Verhaltensweisen in eine Schublade steckt und dann nicht mehr in der Lage ist, die Dinge so zu sehen, wie sie sind. Ich begebe mich mit dieser "Laien-Diagnose" eigentlich sofort entweder in die Opfer-Rolle (Ich Arme muss mit so einem Narzissten zusammenarbeiten/leben) oder ich gehe unmittelbar in die Angreifer-Rolle (Der zeige ich es mal, die wird schon noch merken, dass sie nicht alles mit mir machen kann). Schwups bist Du im Drama-Dreick und kreierst Dein ganz persönliches Lebens-Drama, das aber nicht am anderen sondern vor allem an Deiner "Diagnose" liegt.


Und mal ganz unabhängig davon: Persönlichkeitsstörungen sind ALLE Anpassungsversuche. Die meisten, die eine Persönlichkeitsstörung haben, haben in ihrer Kindheit schwierige Bedingungen gehabt, mit denen sie irgendwie zurecht kommen mussten. Bei vielen Narzissten geht es hier darum, viel zu leisten und zu zeigen, dass sie es wert sind, geliebt zu werden. Sie haben vielleicht nie wirklich Beachtung bekommen - nur, wenn sie wirklich mal etwas Außergewöhnliches geleistet haben. Und diesen Kampf kämpfen sie im Erwachsenenalter weiter. Leider dann auch oft auf Kosten anderer - und damit kann wirklich viel weiteres Leid verursacht werden. Und trotzdem ist es ein Kampf ums überleben...

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